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sind, in Bälde weit um sich greifen wird. Denn ich bin der Ansicht, daß jetzt, wo infolge des erweiterten Berechtigungswesens ein noch größerer Teil unserer Knaben durch die Realschule hindurchgehen wird und auch die Mädchenerziehung nach geistiger Vertiefung ringt, gerade dem englischen Unterricht die schöne, aber gewiß schwierige Aufgabe zufällt, für einen großen Teil unserer deutschen Jugend die geistesbildende Kraft des Griechischen zu ersetzen. Hauptaufgabe des englischen Unterrichtes wird es darum sein, den Schüler in die Lage zu setzen, die in der englischen Literatur niedergelegten Geistesschätze für sich zu heben und ihn durch die Lektüre geistbildender Schriftwerke und durch das Eindringen in die Gedanken eines Großen an jenen Ernst der Arbeit zu gewöhnen, der ein schönes Ergebnis humanistischer Bildung zu sein pflegt. Die formale Schulung wird füglich dem Latein und dem Französischen überlassen bleiben dürfen, welche beide besser zur Erfüllung dieser Aufgabe geeignet erscheinen. Ferner wage ich zu hoffen, daß, wie man unserer humanistisch gebildeten Jugend längst schon den Blick durch die Lektüre verschiedener griechischer Dialekte weitet, auch der englische Unterricht sich das bedeutende mundartliche Schrifttum seiner Sphäre zunutze machen wird.

Der Textgestalt der einzelnen Lesestücke habe ich in der Neubearbeitung besondere Aufmerksamkeit zugewendet, indem ich überall bestrebt war, die Texte nicht irgendeiner Originalausgabe, sondern der sogenannten Ausgabe letzter Hand zu entnehmen, wie ich das im "Archiv für das Studium der neueren Sprachen", Bd. CII, S. 85 ff. näher dargelegt habe. Leider war es mir aber aus äußeren Gründen vielfach unmöglich, dieses Prinzip streng durchzuführen, weil unsere deutschen Bibliotheken bekanntermaßen sehr schlecht mit englischer Literatur versehen sind und neuere kritische Ausgaben, welche diesem Grundsatze folgten, meist noch nicht vorhanden sind. Huldigen doch neuerdings die englischen Herausgeber immer mehr der irrigen Anschauung, daß der beste Text durch das Zurückgreifen auf die erste Ausgabe zu erlangen sei. Aber auch wo neuere kritische Ausgaben vorliegen, erwiesen sich mir diese mehrfach als nicht durchaus zuverlässig. Unter diesen Umständen konnte ich nicht hoffen, überall wirklich wissenschaftlich kritische Texte zu bieten, sondern mußte mich mehrfach mit einem eklektischen Verfahren begnügen. Jedenfalls habe ich aber keine Mühe gescheut, womöglich durch häufiges Vergleichen verschiedener Ausgaben wenigstens die gröbsten Korruptelen von meinen Texten fernzuhalten; und ich darf wohl hoffen, daß ich in dieser Beziehung etwas über das ältere Werk hinausgekommen bin. Bei den wenigen aus dem alten Herrig übernommenen Stücken konnte ich zum Teil recht schwerwiegende Fehler ausmerzen. Auch ergab sich, daß der Herrigsche Abschnitt aus Gulliver's Travels nicht dem Originalwerk entnommen war, sondern einer modernen Bearbeitung für Kinder, welche z. B. die IchErzählung des Originals in die dritte Person umgesetzt hatte. An zwei Stellen (179, 31 und 381, 45) erwies sich eine leichte Änderung des Originalwortlautes als notwendig. Wo irgendwelche Auslassungen vorgenommen sind, ist dies jedesmal durch Punkte angedeutet. Von den Volksballaden bringe ich zwei in kritischen Texten, welche auf Grund aller aus dem Volksmunde aufgezeichneten Fassungen methodisch rekonstruiert sind: die Wildererballade von Johnny Cook nach Prof. Brandls Rekonstruktion (in "Festgabe für Richard Heinzel", Weimar 1898, S. 53 ff.), doch in moderner Orthographie; das Lied von Hind Horn in einer von mir selbst versuchten Rekonstruktion, deren Begründung ich an anderem Orte geben werde. Bei der Chevy-Chase-Ballade habe ich, um ihre grausam zersungene Überlieferung lesbar zu machen, die alte Fassung des AshmoleManuskripts nicht nur modernisiert, sondern auch mit schonender Hand zu bessern gesucht, wo mir die ursprüngliche Form hinreichend sicher und leicht herausschälbar schien. Die übrigen Volksballaden folgen einer der überlieferten Fassungen; jedoch ist, mit Ausnahme der Edward-Ballade eines Prachtstückes, das intakt bleiben mußte –, die Schreibung modernisiert, wobei aber, nach dem Vorgange von Walter Scott, ein leicht-dialektischer Hauch, namentlich in den Reimen, beibehalten wurde. Weiter habe ich die Probe aus den Rowley Poems (S. 274) kritisch hergerichtet, indem ich nach den von Skeat (Chatterton-Ausgabe, Bd. II, s. XXXVII ff.) und Watts-Dunton (Ward's English Poems, Bd. III, S. 400) aufgestellten Gesichtspunkten versucht habe, Chattertons pseudo-antike. Sprache dem modernen Leser zugänglicher zu machen. Indes bin ich in den seltensten Fällen zu wirklichen Textänderungen geschritten, so daß meine Fassung noch konservativer gehalten ist als die von Watts-Dunton. Wo es nötig erschien, ist Chattertons Lesart im Glossar unter der von mir eingesetzten Wortform verzeichnet (vergl. z. B. fetise). Cowpers Ballade von John Gilpin erscheint hier zum erstenmal in einer streng kritischen Gestalt (abgesehen von der modernisierten Interpunktion), welche ich auf Grund des gesamten mir vorliegenden Variantenapparates hergestellt habe. In die Szene aus Shelleys Prometheus Unbound sind mehrere Lesarten aus dem Originalmanuskript des Dichters (nach Zupitzas und Schicks Veröffentlichung im “Archiv für das Studium der neueren Sprachen", Bd. CIII, S. 102 f.) aufgenommen; diese Szene ist hier also zum erstenmal in der Gestalt gedruckt, in der sie vermutlich dem Dichter vorgeschwebt hat.

Die Orthographie ist bei den Schriftstellern des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts modernisiert worden. Die Dialektdichtungen von Burns und Tennyson sind aber in ihrer ursprünglichen Form belassen. – In der Interpunktionsfrage bin ich bei den Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts den Ausgaben letzter Hand gefolgt. Bei den Autoren des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts beabsichtigte ich ursprünglich die Interpunktion streng einheitlich zu modernisieren. Ich erkannte jedoch bald, daß die ältere Zeichensetzung mit der Satzstruktur vielfach so eng verknüpft ist, daß sich das eine ohne das andere nicht wohl ändern ließ. Ich habe es daher bei einer schonenden Modernisierung der Interpunktion bewenden lassen.

Unter dem Titel eines jeden Lesestückes ist in Klammern angegeben, welchem Werk es entstammt und wo es zuerst erschien. Diese Angaben haben aber keinen Bezug auf die folgende Textgestalt, so daß z. B. der Zusatz "From Lyrical Ballads (1798)" bei dem Ancient Mariner nur bedeutet, daß dies Gedicht zuerst in den Lyrical Ballads veröffentlicht war, nicht aber, daß der folgende Text in der Gestalt von 1798 gegeben sei; der Text folgt hier wie überall der endgültigen Fassung. Es kann demnach vorkommen, daß ein Stück spätere Einschiebsel enthält, die zu dem Veröffentlichungsjahre nicht passen, wie etwa in dem Gedichte Ye Mariners of England (1801) die Anspielung auf Nelson erst nach 1805 eingefügt ist.

Die literarhistorischen Einleitungen, die jedem Dichter vorangeschickt sind, mußten völlig neu geschrieben werden, da gerade in biographisch-literarischer Beziehung die englische Forschung der letzten Dezennien sehr rührig gewesen ist. Ich habe versucht, die biographischen Notizen in möglichst knapper Form zu geben, doch derart, daß sie auch einer ausführlicheren Behandlung des Lebenslaufes zugrunde gelegt werden können. Vor allem kam es mir aber darauf an, die literarische Bedeutung eines jeden Schriftstellers, soweit dies mit kurzen Bemerkungen geschehen konnte, in das rechte Licht zu setzen. Hinter dem kursiv gedruckten Titel eines jeden Werkes habe ich das Erscheinungsjahr angeführt, nicht das seiner Entstehung, weil ersteres für die Gesamtentwickelung der Literatur das entscheidende ist. Nur wo Entstehung und Veröffentlichung zeitlich weit voneinander abliegen, sind beide Daten nebeneinander gesetzt. Wenn, wie z. B. bei Romanen, das allmähliche Erscheinen in Einzelnummern oder Zeitschriften sich über mehrere Jahre hinauszog, ist, wo nur eine Jahreszahl steht, der Beginn der Veröffentlichung angegeben. Bei vordatierten Büchern habe ich das tatsächliche Erscheinungsjahr, nicht die Jahreszahl des Titelblattes, gewählt. Diese stete Rücksichtnahme auf die Chronologie hat zwar den Nachteil

, daß das Buch vielleicht überreich mit Jahreszahlen belastet erscheint. Doch wird dies, glaube ich, durch den Vorteil aufgewogen, daß das stete Erinnern an die Chronologie den Sinn für historische Entwickelung bei den Schülern schärft und daß zweitens das Werk auch als literarhistorisches Nachschlagebuch benutzt werden kann. Aus

drücklich sei aber bemerkt, daß die Daten nicht bestimmt sind, auswendig gelernt zu werden. Vielmehr bin ich der Meinung, daß es genügt, wenn der Schüler das Erscheinungsjahr der epochemachendsten Werke kennt, wie ich sie versuchsweise auf Seite 48* des Appendix zusammengestellt habe. Die Kenntnis dieser Zahlen würde ich den Geburts- und Todesjahren vorziehen.

Die frühere Trennung der Prosaisten von den Dichtern habe ich als zwecklos und undurchführbar aufgegeben und statt dessen die Schriftsteller nach literarischen Gruppen geordnet. Um das Buch neben jeder beliebigen Literaturgeschichte verwendbar zu machen, ist in demselben keine Periodeneinteilung durchgeführt worden; dagegen wurde eine solche in dem Inhaltsverzeichnisse angedeutet. Die Benennung der Epochen ist dort nach dem populärsten Schriftsteller erfolgt, weil ich die Einteilung in Perioden lediglich als ein bequemes Orientierungsmittel betrachte; keineswegs soll damit gesagt sein, daß diese Autoren allein ihrer Zeit den Stempel aufgedrückt hätten oder daß nicht neben ihnen gleich wichtige oder vielleicht an sich bedeutendere Strömungen bestanden hätten.

Die Musterstücke aus den einzelnen Autoren sind unter sich streng chronologisch angeordnet und zwar nach der Zeit ihrer Entstehung, weil bei der Betrachtung eines einzelnen Dichters die Werke in der Reihenfolge ihrer Abfassung zu studieren sind. Deshalb steht z. B. John Barleycorn, obwohl erst 1787 gedruckt, vor Halloween mit dem Erscheinungsjahre 1786, oder La Belle Dame sans Merci (1820) vor der Ode to a Nightingale (1819). Ein paar Unebenheiten in dieser Beziehung wird der Leser gebeten gütigst zu korrigieren, nämlich Shaksperes Sonette (S. 55) vor den Merchant of Venice (S. 23) zu setzen und Burns' Sweet Afton (S. 335) vor Auld Lang Syne (S. 327).

Den Abriß der englischen Literaturgeschichte, welchen Prof. Herrig erst in den achtziger Jahren hinzugefügt hatte, habe ich fortgelassen, weil ich meine, daß eine ausführliche systematische Behandlung der Geschichte der englischen Literatur nicht in die Schule gehört. Vielmehr hat meiner Ansicht nach der Literaturunterricht auf der Schule von den einzelnen Werken und Autoren auszugehen, was sich an Literaturgeschichte aus der Behandlung dieser ergibt, wird dann am besten vom Lehrer selbst, dem jeweiligen Standpunkte seiner Klasse entsprechend, zusammengefaßt.

Durch eine Reihe von Beigaben habe ich versucht, die Brauchbarkeit des Buches für den Schulunterricht zu erhöhen. Ein Glossar erklärt alle in den Texten vorkommenden Wörter, welche in einem der drei Wörterbücher von Muret-Klatt, Flügel-Schmidt-Tanger und Grieb-Schröer nicht verzeichnet sind oder mir dort nicht genügend erklärt erscheinen. Einige der hier aufgeführten Wörter wird man sogar in dem großen Muret und im Oxforder Wörterbuche vergebens suchen. Mit gütiger Erlaubnis des Verfassers durfte ich mehrfach Prof. Schröers Bedeutungsansätze herübernehmen, wofür ihm auch an dieser Stelle mein Dank ausgesprochen sei. Noch mehr schuldet dem Schröerschen Werke das Ausspracheglossar aller im Buche vorkommenden Eigennamen, in welches ich auch die von Eigennamen abgeleiteten Adjektive sowie lateinische Büchertitel aufgenommen habe. Doch wird der Kundige vielfach Abweichungen von Schröers Angaben bemerken sowie Ansätze zu einer historisch - kritischen Behandlung der Eigennamen - Aussprache erkennen. Die meinen Beobachtungen nach unter Gebildeten üblichste Aussprache eines Namens habe ich überall an erster Stelle geboten. Nach welchen Gesichtspunkten gegenüber der schwierigen Frage der englischen Aussprache nichtenglischer Eigennamen verfahren ist, muß einer Darlegung an anderer Stelle vorbehalten bleiben. In beiden Glossaren konnte ich es mir nicht versagen, gelegentlich etymologische Bemerkungen hinzuzufügen aus Sprachgebieten, die nicht jedem Fachkollegen leicht zugänglich sind. Diese etymologischen Angaben, welche natürlich nur für Lehrer und Studierende bestimmt sind, sollen zumeist dazu dienen, meine Bedeutungsansätze oder die von mir vorgeschlagene Aussprache zu begründen. Ich hoffe dadurch, vor allem eine Reihe von keltischen und Hindustaniwörtern weiteren Kreisen verständlich gemacht zu haben.

Die phonetische Aussprachebezeichnung schließt sich in beiden Glossaren eng an die leichtverständliche Transkriptionsmethode von Schröer an, welche von der Sweets sowie derjenigen des Oxford Dictionary und der Association phonétique internationale nicht allzuweit absteht. Im Interesse der phonetischen Einheit habe ich darauf verzichtet, eingreifendere Änderungen an dem Schröerschen Systeme vorzunehmen. Dagegen hielt ich es für wünschenswert, wh statt hw, x statt ch, ē statt des Schröerschen è vor 1 zu schreiben sowie eine Unterscheidung von i und 1 in nebentonigen Silben zu versuchen. Auch habe ich für die Dialektwörter und die fremdländischen Eigennamen das Schröersche System um einige neue Zeichen vermehren müssen. Aus naheliegenden Gründen konnten jedoch feinere Lautunterschiede, wie die Konsonanten-Mouillierung des Keltischen oder die Halblänge der Vokale im Romanischen und Schottischen und dergleichen mehr, nicht berücksichtigt werden. Abweichend vom Oxford Dictionary und Schröers Praxis habe ich auch bei veralteten Wörtern, bei denen streng genommen von einer heutigen Aussprache nicht die Rede sein kann, eine solche versuchsweise angesetzt, weil das praktische Bedürfnis danach verlangt und jedenfalls die wissenschaftliche Lautlehre in solchen Fällen eine befriedigendere Aussprache vorschlagen kann als das tastende Sprachgefühl des Laien. Die als Sc., d. h. schottisch, bezeichneten Wörter sind mit Rück

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