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Einzelnen, wie andere Wissenschaften, empirisch beginnend, allmählig sich zu einem organischen Ganzen in kräftiger Fülle geistigen Lebens entfaltete. Wie nun der Keim daza gelegt, genährt und gepflegt wurde, wie er anfangs fröhlich gedich, alsdann aber vom Staub emsig speichernder Gelehrsamkeit fast erstickt worde, and wie er später vom kritischen Messer des Verstandes beschnitten aus der verkrüppelten Zwerggestalt zom kernigen Baumstamm mit weithinschattenden Zweigen, doftenden Blüthen und labenden Früchten im Sonnenschein der Vernanft emporwachs, das will ich, wenn auch nur mit schwachen Umrissen, in der Kürze andeuten. Zum Standpunkt bei diesem Ueberblick der Alterthumswissenschaft während eines Zeitraums von fast 1400 Jahren wähle ich die jedesmal vorherrschende Behandlungsweise derselben, wobei zufällige, spurlos verschwindende Ansichten nur nebenbei berücksichtigt werden können. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet finden wir in der ersten Periode (476 1304) als Princip die Tradition oder das Streben, den Stoff der Alterthumswissenschaft, so weit er literarisch vorlag, aufzubewahren und zu erhalten; vorübergehend und ohne Erfolg blieben die Versuche Einzelner, das Stadium zu beleben und fruchtbar zu machen.

Durch die rasch aufeinanderfolgenden Einfälle Alarich's and Attila's, der Vandalen, Heruler und Ostgothen, denen Rom und Carthago, die Pflegerinaen Römischer Literatur im fünften Jahrhundert, unterlagen, wurden nicht allein die Staatsformen des Westens umgestürzt und verändert, sondern auch die Literatur desselben dem Untergang nahe gebracht, und die Nacht heraufgeführt, welche acht Jahrhunderte hindurch, nur selten durch einen Nordschein unterbrochen, diesen Theil Europa's einhüllte. Die öffentlichen Schulen waren durch die Kriegsstürme zerstört, die Bibliotheken durch räuberische Horden zerstreut, der wissenschaftliche Sinn darch das allgemeine Unheil niedergedrückt worden. Was Wunder, wann so der schaffende Geist im sechsten Jahrhundert gelähmt, der bessere Geschmack vernichtet wurde, und dafür Finsterniss, Roheit und Barbarei eintraten, die um so grösser

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zu werden drohten, je weniger Heil von Constantinopel za erwarten stand, indem eine unglückselige Feuersbrunst bedeutende Schätze der Literatur daselbst vernichtete und meist nur neuplatonische Philosophie getrieben warde. Doch ging auch so der Sinn für Römische Literatur nicht ganz unter, wie die grammatischen Schriften des Priscia.. nus, Eutyches, Fortunatianus, Fulgentius, Gennadius (492), die Kritik des Consal Turcius Rufius Apronianus (494) und des Grammatikers Felix zeigen; ja sic schien sich im sechsten Jahrhundert durch den geistvollen Bocthius (+ 524), Flav. Corippus (565) und Cassiodorus (+ 575), welcher sich mit der Orthographie beschäftigte, unter dem Schutz des Königs Theodorich nicht ohne Erfolg bei ziemlich gründlichem Studiam erhalten zu wollen, zumal da auch die Geistlichen eigene Schulen statt der vernichteten öffentlichen anlegten. Leider wurde aber die Philologie unter der geistlichen Pflege mehr beschränkt, und durch die compendiöse Gelehrsamkeit des Triviums und Quadriviums vielmehr in Vergessenheit gebracht. Hierzu kamen die fortdauernden Kriege im Osten und in Italien, namentlich unter Totilas und Alboin, der Mangel an Bildungsanstalten, die Theuerung des Schreibmaterials und die hemmende Abneigung einzelner Männer, wie des Bischofs Gregorius (+ 604) zu Rom, wenn er schon von dem Verdacht, die heidnischen Schriften absichtlich vernichtet zu haben, befreit werden muss. Nur in einigen neu angelegten Klöstern fand die Römische Literatur ein Asyl, indem der von Benedict aus Nursia († 544) gestiftete Orden durch seine Regel auf Erhaltung und Abschreibung von Büchern hingewiesen war.

Die Vernachlässigung der alten Literatar nahm zu im siebenten Jahrhundert, als encyclopädische Lehrbücher, wie die Alcissig compilirten Origines des Isidorus (+ 636), die Quellen, aus denen sie geschöpft waren, verdränglen, und theologische Streitigkeiten im Orient and Occident ausser den Kämpfen um die eigene Existenz die Aufmerksamkeit meist in Anspruch nahmen. In den Benedictines, Klöstern allein erhielt sich noch cia matter Wiederschein,

Repert, I.

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so wie einige Strahlen in Britannien unter Theodorus, Erzbischof von Canterbury (+ 690), so wie unter den Aebten Adrian and Benedict, welche die griechische und lateinische Grammatik, wie damals die Literatur hiess, mit Eifer und Erfolg lehrten.

Daher kam es, dass im achten Jahrhundert dort die Schulen, wie York, seit 732 im höchsten Flor waren, aus denen leuchtende Sterne, wie Beda venerabilis (735), welcher die Bahn zu besserer Interpretation brach, und der vielgebildete, um classische Literatur bochverdiente Alcuin (+ 804), hervorgingen, während im Orient durch Zerstörung der Klöster und den unseligen Bilderstreit auch auf die classische Literatur verderblich eingewirkt wurde. Auch in Italien war, trotz der vielen Klöster, fast jede Spor von Wissenschaft, mit Ausnahme der Epitome von Paulus Diaconus (775), ja selbst die Römische Sprache unter dem Volk verschwunden. In solcher Barbarei versuchtc Carl der Grosse, so wie es Al-Mansor und Harun al Raschid bei den Arabern durch Uebersetzungen griechischer Schriftwerke thaten, durch lebendiges Wort und Lehre ausgezeichneter Männer, die ihm Britannien sendete, den Sinn für Bildung zu erwecken, wie in Deutschland, oder wiederum zu beleben, wie in Italien und Frankreich. Er selbst erlernte die Grammatik mit Hilfe Peter's von Pisa, erwarb sich Kenntnisse des Griechischen, versammelte Gelehrte um sich, legte Schalen zu Paris, Osnabrück und Rom an, und liess Manuscripte classischer Schriftsteller zu St. Germain sammlen und vervielfältigen; kurz, zeigte einen ungemeinen Eifer für Wissenschaft und Unterricht. Leider entsprach der Erfolg nicht ganz seinen Bemühungen, was zum Theil in dem Geist seiner Nachfolger, zum Theil in der Anwendung unzweckmässiger Bildungsmittel lag, indem die Encyclopädisten Marcianus Capella, Cassiodorus and Isidorus die Hauptlectüre damals ausmachten.

Doch ward so viel für das folgende, das nennte Jahrhundert gewonnen, dass, während in Frankreich Familienstreitigkeiten den wissenschaftlichen Anstalten nachtheilig wurden, und daher nur wenige gebildete Männer, wie Adalgardus, Remigius Antisiodorensis - (882) and Theodulphus († 821) daselbst namhaft gemacht werden, Lothar († 855) nach dem Beispiel seines Grossvaters für Anlegung grammatischer Schulen in Italien besorgt blieb, wie der Abt zu Casino, Bertharius, Verfasser einer latci nischen Grammatik, beweiset, und in Deutschland ausgezeichnete Männer, wie Druthmarus zu Corvey (850), Ra. banus Maurus zu Mainz († 856), der kenntnissreiche Ser. vatus Lupus († 862?) und Iso († 871) zu St. Gallen, der gelehrte Walafridus Strabo († 849) und Ermanricus (850) zu Reichenau, Clemens Scotus, Smaragdus (824), Sigulf, Probus († 859) aus Irland, Hatto zu Fulda, Haimo za Halberstadt (+ 853), den wissenschaftlichen Sinn pflegten, Bibliotheken, wie zu Corvey und St. Gallen, anlegten, Abschriften der Classiker, namentlich zu Fulda, besorgen liessen, und das Studium derselben nicht ohne Erfolg selbst trieben und empfahlen, was auch die in dieser Zeit entstandenen Glossen zeigen. Da jedoch das classische Studium nur einern untergeordneten Zweck, dem richtigen Verständniss der Bibel, diente, und für die Ausbildung des geistlichen Standes berechnet war, so konnte es leider keine allgemein gedeihlichen Früchte bringen, zumal da die neuentstandene scbolastische Philosophie dem Geist hemmende Fesseln anlegte. Auch in England erhielt sich die classische Literatur trotz der Einfälle der Normannen, unter Alfred des Grossen (+ 901) segensvollem Schirm, welcher nicht allein die Hochschule Oxford (872) stiftete, an welcher Asserius (+ 909) Grammatik lehrte, sondern sich selbst auch mit classischer Literatur beschäftigte, um den forschenden Geist zu befriedigen. Alle diese Bestrebungen bezogen sich freilich nur meist aqf römische Literatar, während die Griechische in Deutschland vernachlässigt und in Frankreich mit Ausnahme des Mannon, welcher (vor 900) einige Schriften des Aristoteles und Plato übersetzt haben soll, hintangesetzt worde, in Italien aber das Studium derselben bei der Verbindung mit Con. stantinopel nicht gänzlich erlosch, and in England noch Einzelne, wie Johannes Scotus (380), die von Theodorus

eingeführte · Sprachkunde bewahrten. Mehr beschäftigten sich damit dic Araber, von Al Mamun († 833) dazu angeregt, nur dass gerade die von ihnen gemachten Uebersetzungen zum Untergang der Originale beitragen, was um só empfindlicher ist, als in Constantinopel gegen Ende des neunten Jahrhunderts durch den vielgelehrten Patriarch Photius († 891) die höchst verderbliche Sitte, grösscre' Werke in Auszüge zu bringen, eingeführt wurde.

Durch diese unselige Sitte, nämlich des Excerpirens und Compilirens, welche im zehnten Jahrhundert unter der Pflege der wissenschaftliebenden Kaiser Leo VI. (+ 912) und Constantinus Porphyrogennetus († 959) systematisch getrieben und ausgebildet wurde, gingen die Hauptschriften grossentheils verloren. Hierza kam, dass in England nach Alfred's Tod durch die fortgesetzten Einfälle der Dänen, und in Italien durch den Verfall des Klosterlebens und durch Staatsumwälzungen nicht allein der Sinn für classische Literatur gänzlich erlosch, sondern auch viele Handschriften zerstreut oder vernichtet worden. Unter solchen Umständen vermochten Einzelne, wie Bruno, Erzbischof von Cöln, und der gelehrte Gerbert (+ 1003), welche ihre Kenntnisse der griechischen Sprache bei den Verhältnissen Kaiser Ollo II. zum Byzantinischen Hof, vielleicht von den Mönchen eines im Elsass oder zu Toul (980) angelegten Griechischen Klosters erlernt hatten, den Untergang der Griechischen Sprachkunde im Westen Europa's nicht aufzuhalten. Desto grössere und bleibendere Verdienste aber erwarb sich der geistvolle Gerbert als Pabst Sylvester 11. um die Lateinische Literatur, wobei er von Meinwerk zu Paderborn (+ 1036), Bernward zu Hildesheim, den Abt Gozbertus zu Tegernsee u. A., so wie durch bedeutende Bibliotheken, welche Einzelne, wie Gunzo (960), vermehrten, unterstützt wurde. Daher zeigen sich in jener Zeit Erklärer, wie Eugraphius (998), Poppo, Regino (+ 915), Remigius Mediolacensis, Grammatiker, wie Marinus zu Trier (999), Helpericus Grandivallensis, der kenntnissreiche Ratherius (+ 974), Lambert von Pouthière (925) und der belesenc Salomo, Bischof von Constanz (1 919) mit seinem encyclopädischen

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