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Geschichte der Sprachwissenschaft bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts

Kurzgefasste Darstellung der Hauptpunkte

Von

Vilhelm Thomsen

Übersetzt

von

Hans Pollak
Lektor der deutschen Sprache an der Universität Lund

MAN

Max Niemeyer Verlag

Halle (Saale)

1927

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten Copyright by Max Niemeyer Verlag, Halle (Saale), 1927

Printed in Germany

Druck von Karras, Kröber & Nietschmann, Halle (Saale)

Vorwort des Übersetzers. .

Vilhelm Thomsens Arbeit ,,Sprogvidenskabens historie, en kortfattet fremstilling af dens hovedpunkter“, die hier zum ersten Male in deutscher Sprache erscheint, ist aus einer akademischen Vorlesung entstanden, die selbst wieder einen Teil der längeren Reihe von Vorlesungen „Einführung in die Sprachwissenschaft“ gebildet hat. Der besondere Zweck bedingte die Art der Darstellung; so ist es auch zu erklären, dass der Sprachwissenschaft in den nordischen Ländern, namentlich in Dänemark verhältnismässig grössere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das dänische Original wurde zuerst im Jahre 1902 als Einladungsschrift der Universität Kopenhagen zur Jahresfeier am Geburtstag des Königs veröffentlicht und dann 1919 in den ersten Band von Thomsens „Samlede afhandlinger“ aufgenommen. Die vorliegende deutsche Übersetzung, zu der die Erlaubnis des Verfassers eingeholt worden war, schliesst sich möglichst wörtlich an den dänischen Text an. Nur wenige kleine, von Thomsen selbst gewünschte Änderungen wurden vorgenommen. Alles, was die Ausgabe vom Jahre 1902 noch nicht enthält, ist in eckige Klammern gestellt: vor allem die Zusätze vom Jahre 1919, nur hier und da von mir beigefügte Daten,

Zu besonderem Dank bin ich Herrn Dr. K. Wulff in Kopenhagen verpflichtet, der die erste Korrektur mitgelesen und dabei manche Verbesserungen vorgenommen hat.

Lund (Schweden), im Oktober 1927.

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Unter allen menschlichen Lebensäusserungen muss die Sprache wohl als diejenige bezeichnet werden, die zu allen Zeiten als die wunderbarste gegolten hat. Durch die Sprache gibt sich der Mensch nicht nur am unmittelbarsten als denkendes Vernunftwesen im Gegensatz zu allen übrigen Wesen zu erkennen, sondern gleichzeitig ist sie auch in ihrer unendlich wechselvollen Mannigfaltigkeit der handgreiflichste Ausdruck für all das, was in Zeit und Raum Geschlechter und Gemeinschaften in verschiedene Nationen zusammenfasst oder scheidet. Es gibt auch kaum einen Gegenstand, der mehr zu seiner Erforschung auffordern könnte als gerade die Sprache, im ganzen wie im einzelnen, und auf wenigen Gebieten kann die menschliche Forschung auf eine so lange Entwicklung zurückblicken wie hier. Über die Hauptpunkte in der Geschichte dieser Forschung, von den ersten tastenden Anfängen bis zur hochentwickelten Wissenschaft an der letzten Jahrhundertwende, will ich in der vorliegenden Schrift eine kurze Übersicht zu geben versuchen; aber zunächst muss ich hervorheben, dass dies hier nur mit grossen, groben Strichen geschehen kann, durch Skizzierung der Hauptphasen, die die allgemeine Sprachbetrachtung im Wandel der Zeiten durchlaufen hat, sowie der Gesichtspunkte und Persönlichkeiten, welche diesen vor allem ihr Gepräge gegeben haben.

Schon frühzeitig treffen wir die ersten uns bewahrten Spuren an, die davon zeugen, dass das Mysterium der Sprache die Gedanken der Menschen bescbäftigt hat, indem sie versuchten, Antwort auf die Fragen zu finden, wie die Sprache und die Mannigfaltigkeit der Sprachen entstanden ist oder wie denn die Gegenstände die Namen erhalten haben, mit denen die verschiedenen Sprachen sie bezeichnen. Zeugnisse hierfür finden wir z. B. schon in den ersten Kapiteln des alten Testaments, wo wir lesen (1. Buch Mose, 1,5. 8. 10): „Gott nannte das Licht

Thomsen, Geschichte der Sprachwissenschaft.

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