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Es ist ein eigenthümliches Gefühl, mit welchem ich jetzt von einer dreizehnjährigen Arbeit und von ihren Freuden, wie von ihren Beschwerden, Abschied nehme. Als ich sie am 24. November 1816 begann, da beschritt ich mit kühnem, doch nicht sich überhebenden, Jugendmuthe ein weites, unermessliches Feld. In England, Frankreich und Italien war eben damals die Sammlerlust zu einer Höhe gediehen, die in der Geschichte der Bibliophilie noch für künftige Zeiten Epoche machen wird und eine Menge von Gesichtspuncten und Rücksichten herbeiführte, welche, zum Theil vorher noch gar nicht ins Auge gefasst, eine gänzlich neue Revision des bisher bibliographisch Merkwürdigen zur Pflicht machten. Daher galt es vor allen Dingen diesen Strömungen zu folgen, ihre Tiefe zu erforschen, und selbstständig auszumitteln, wieviel und was sich von jenen ausländischen Bestrebungen zu allgemeinerer Gültigkeit und Anwendung eigne. Dann aber war es eine nicht geringere Aufgabe, über die Neigungen und Richtungen des deutschen Sammlers klar zu werden, der sich in der Regel in lauter einzelnen und individuellen Liebhabereien zu ergehen pflegt, welche nicht einmal unter sich, geschweige denn mit den ausländischen Sammler-Rücksichten in Verbindung zu bringen sind. Und endlich hatte ich alle diese verschiednen Gesichtspuncte einer höhern wissenschaftlichen Beziehung unterzuordnen, ohne welche alle Bibliographie zu müssigem Curiositätenkram herabsinkt.

In wie weit ich diesen verschiednen Aufgaben Genüge geleistet zu haben hoffe, habe ich in der Vorrede zum ersten Bande und in meiner Selbstanzeige in den Göttin

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ger gelehrten Anzeigen (1824. St. 49. S. 485 ff.), zu welcher letztern mich nur die mir als damaligem dortigen Mitarbeiter nach dasiger Sitte obliegende Verbindlichkeit und die wiederholte Mahnung des verewigten Eichhorn bewegen konnte, so offen ausgesprochen, dass ich hier nichts darüber zu sagen habe. Wohl aber hätte ich zu dem, was ich damals mit derselben Offenheit über die mich selbst weniger befriedigenden oder ungleich gearbeiteten Partien meines Werkes gesagt habe, noch einiges hinzuzufügen, wenn mich diess nicht zu weitläuftigern Erörterungen führen würde, als hier Statt finden kön

Am Ende einer so langen Wanderung sieht man freilich am besten, wo man kürzere oder bessere Wege hätte einschlagen können, und ich habe selbst während meiner Arbeit so ununterbrochen an dem bereits Erschienenen fortgebessert, dass bei dem Schlusse derselben meine handschriftlichen Nachträge und Verbesserungen bereits genau ein Drittel des Ganzen betragen. Die hauptsächlichste Ursache davon liegt darinn, dass mir viele briefliche Mittheilungen und manche zu benutzende Werke erst später zukamen, dass sich mir erst fast gegen das Ende meiner Arbeit hin der reiche Wolfenbüttler Schatz eröffnete, und dass während der langen Dauer derselben so manches wichtige Werk erschien, welches ich wenigstens von den noch zu liefernden Artikeln an sofort benutzen zu müssen glaubte. Dadurch ist allerdings eine gewisse Ungleichheit, ja vielleicht selbst mancher Widerspruch in mein Werk gekommen. Jene. Ungleichheit ist besonders in der Angabe der Pergamentdrucke sichtbar, welche ich anfangs, als noch kein besondres Werk über sie vorhanden war, ohne Rücksicht auf ihren wissenschaftlichen Werth möglichst vollständig zu verzeichnen mich besliss, weil sie doch immer zu den Lieblingsschätzen des Sammlers und zum unschuldigen Prunkgeräthe des auch aufs Aeussere sehenden Bibliothekars gehören werden, Seit aber Herrn Vanpraet's beide Meisterwerke dem bisherigen Mangel eines Repertorium über diese Luxusartikel auf die genügendste Weise abgeholfen hatten, hielt ich für meine Pflicht, fortan nur die wissenschaftlich wichtigen derselben anzuführen, und sendete meine noch übrigen Sammlungen über diesen Gegenstand jenem Gelehrten zu, der sie auch seinen seitdem erschienenen beiden Supplementbänden mit einverleibt hat.

Die Bearbeitung der ersten Hälfte meines Werkes fiel in eine Zeit, in welcher meine Verhältnisse nichts weniger als ermunternd und aufregend waren; die zweite Hälfte ist unter den mannichfaltigsten äussern Störungen, unter gehäuften Berufsgeschäften und unter der durch letztere gebotenen Verbindlichkeit, meine Studien und meine Thätigkeit zugleich auch mancher andern der Bibliographie ganz fern stehenden wissenschaftlichen Bestrebung zuzuwenden, vollendet worden. In allen diesen verschiedenen Fällen und Lagen hat mir die Beschäftigung mit diesem meinen Werke theils zur lieitern Zerstreuung und zum glücklichen Vergessen, theils zur freudigsten Erholung gereicht: und es ist mir jetzt bei seinem Schlusse, als scheide ein alter Freund von mir.

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Wie mühsam auch oft die Arbeit war, so darf ich mir doch bewusst seyn (und wenigstens die Behandlung einzelner Literaturzweige wird es beweisen), dass ich sie mit wahrer Liebe vollbrachte.

Auch hat sie mir einen reichern Lohn gewährt, als ihn mir jede äussere Berechnung, die hier ohnediess nicht an ihrer Stelle gewesen seyn würde, hätte bieten können. Sie hat mir die Zuneigung und die Liebe vieler höchst achtbaren Gelehrten und Literaturfreunde des In- und Auslandes erworben, und es war zunächst diese Bestrebung, welcher ich die väterliche Freundschaft meines unvergesslichen Ersch verdankte. Gern führte ich zugleich hier diejenigen verehrten Männer namentlich auf, welche mich durch reiche und gehaltvolle Mittheilungen erfreuten und unterstützten, müsste ich nicht befrirchten, mich dadurch dem Verdacht eitler Prunksucht (da sich unter ihnen Namen erster Grösse und Männer des höchsten Ranges aus mehrern Nationen befinden) und gehässiger Gesinnung auszusetzen. Denn es würde daraus zugleich hervorgehen, dass von sämmtlichen deutschen Bibliothekaren nicht mehr als vier die Bitten und Wünsche ihres Berufsgenossen der Beachtung werth hielten. Desto herzlicherer Dank sei hiermit denen dargebracht, welche auch ohne Berufspflicht mich mit ihren schätzenswerthen Beiträgen erfreuten und unterstützten.

Und so sei denn auch jeglicher Ausdruck des Unmuths verbannt, der mir in Folge so mancher während der Dauer meiner Arbeit gemachten unangenehmen Erfahrung wohl nahe läge. Einige meiner Gegner sind seitdem bereits in das Land des Friedens hinübergegangen. Andern, die öffentlich lobten und heimlich verleumdeten, überlasse ich es, sich deshalb mit ihrer innern Ueberzeugung abzufinden. Dem leicht erkennbaren Recensenten in der Leipziger Literaturzeitung vergebe ich seine Anzeige um so lieber, da sie sich durch gänzliche Unkunde des jetzigen Standes der Bibliographie selbst charakterisirt, und da ich den unlautern Quell, aus welchem sie floss, nur zu gut kenne. Die Versicherung aber, dass mich grade bei ihm ein so unwürdiger Lug der Gesinnung schmerzt, stehe nur für ihn hier. Und demjenigen, was vielleicht noch kommen sollte, sehe ich mit Ruhe, zugleich aber auch mit derjenigen Vestigkeit entgegen, welche dem, der sich einer ernsten und redlichen Bestrebung bewusst seyn darf, wohl geziemen mag.

Die allgemeine systematische Literatur, welche ich in der Vorrede zum ersten Bande als Anhang dieses Werkes ankündigte, wird allerdings erscheinen; aber unabhängig von diesem Lexikon und in andrer Gestalt. Die mir zugegangenen Erinnerungen und Wünsche mehrerer einsichtsvollen Literaturfreunde haben mich bestimmt, dieses neue Werk als ein selbstständiges und in einer Form herauszugeben, welche demjenigen, den nur einzelne wissenschaftliche Fächer interessiren, die theilweise Erwerbung derselben möglich macht. Zugleich soll dasselbe die praktische Darlegung meiner Ideen

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über bibliothekarische Systematik enthalten, um zugleich in kleinern Bibliotheken als Grundlage eines Realkatalogs dienen zu können. Da ich in diesem Werke ebenfalls alles mit Sternen bezeichnen werde, was die reiche königliche Bibliothek allhier besitzt, so wird es hoffentlich dadurch für Manchen ein näheres praktisches Interesse erhalten. Mit und neben demselben wird mein Lehrbuch der Bibliographie erscheinen, welches während der Arbeit am Lexikon entstanden ist, indem ich die bei Bearbeitung einzelner Artikel des letztern sich darbietenden Bemerkungen und Beobachtungen einzeln niederschrieb und in Nebenstunden in einen wissenschaftlichen Zusammenhang zu bringen mich bemühte. Durch diese Art der Bearbeitung ist wenigstens soviel erreicht worden, dass die Grundlagen des Buchs auf völlig neuen und sichern Forschungen beruhen.

Und so hoffe ich, wenn meine Kraft ausreicht, wenigstens noch einigemale wieder mit denen zusammenzutreffen, die bisher Antheil an meinen bibliographischen Arbeiten nahmen. Mögen sie mir ihre Theilnahme erhalten, und möge, was ich in redlicher Bestrebung zu leisten mich bemühte, nicht ohne Einfluss auf die Erweckung und Verbreitung eines tiefern und griindlichern bibliographischen Studium in Deutschland bleiben!

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